Schreinerei Bellut Blog

Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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Ausbildung als Schreiner

Chef mit Mitte 20

Als Moritz Schumacher 24 ist, übernimmt er einen Betrieb. Ein Studium hat er dafür nicht gebraucht. Nach oben geschafft hat er es mit einer Ausbildung zum Schreinermeister.
VON JAN KLAUTH

Keine sieben Jahre ist es her, dass Moritz Schumacher die Entscheidung getroffen hat, die ihn wenig später in den Chefsessel befördern sollte: nein zu Abitur und Studium, ja zur Ausbildung als Schreinerlehrling. Was damals aus reiner Karriereperspektive wenig einleuchtend geklungen haben mag, hatte folgendes Ergebnis: Moritz Schumacher ist 25 Jahre alt, Geschäftsführer der Schreinerei Bellut im Odenwald und beschäftigt fünf Angestellte. Er ist damit wahrscheinlich einer der jüngsten Chefs Deutschlands. Sein Betrieb hat so viele Aufträge, dass er zeitweise keine neuen mehr annimmt. Über seine Zukunft muss sich der ehemalige Realschüler Moritz Schumacher mit Mitte 20 keine Gedanken mehr machen.

Die Werkbank hat der Jungunternehmer mittlerweile gegen einen Schreibtisch ausgetauscht. War der Fünfundzwanzigjährige vor knapp vier Jahren noch als Geselle im Impressum der Schreinerei aufgeführt, steht nun das Wort Inhaber vor seinem Namen. Statt in den Werksräumen des Betriebs Holzlatten abzuhobeln, verbringt der junge Mann die meiste Zeit nun damit, ein Stockwerk weiter oben mit Kunden zu telefonieren, Zeichnungen anzufertigen und Rechnungen zu schreiben. Wenige Meter tiefer arbeiten die fünf Angestellten des Betriebs in der Werkstatt – der älteste Schreiner ist fast doppelt so alt wie Schumacher.

 

„Die Alten sterben, die Jungen ziehen weg“
Wer den Schreinerei-Chef in seinem Betrieb rund 80 Kilometer südlich von Frankfurt treffen möchte, muss über die engen Landstraßen des Odenwalds anreisen. Dichte Wälder wechseln sich mit grünen Kuhwiesen und Rapsfeldern ab. Die Durchfahrtsstraßen der Stadt Oberzent sind gesäumt mit Schildern, die Botschaften wie „Hausmacherwurst zu verkaufen“, oder „Kutschenfahrt“ verkünden. Es ist das Bild eines Landkreises, dessen Bevölkerungszahl über mehrere Jahre sank. Zwar ist der Schwund mittlerweile ein wenig abgeebbt, die lokalen Unterschiede sind aber immens. Unter anderem deshalb schlossen sich zum 1. Januar vergangenen Jahres 19 Dörfer zur neuen Stadt Oberzent zusammen, Einwohnerzahl knapp 10.000. In zahlreichen Dörfern fehlt es an Infrastruktur, mancherorts hat nicht ein einziger Bäcker oder Metzger überlebt. „Die Alten sterben, die Jungen ziehen weg“ – viele Geschichten über den Odenwald sind von diesem Narrativ geprägt. Und dann gibt es Menschen wie Moritz Schumacher.

Angekommen in der Schreinerei, ist der Chef gar nicht so leicht auszumachen. Denn rein optisch ist er nicht von seinen Angestellten zu unterscheiden. Auch wenn er nur noch selten Hand an den Maschinen anlegt, trägt Schumacher weiterhin eine beige Arbeitshose und das graue T-Shirt mit Firmenlogo – genau wie die Kollegen. „Anzüge trage ich kaum, darin fühle ich mich unwohl“, sagt er in breitem Hessisch und lacht. Schumacher, blonde Haare, gebräunte Haut, fester Händedruck und breites Kreuz, bittet ins Büro – draußen von der Wiese hört man Schafe blöken, es riecht nach frisch gemähtem Gras, ein Stück bergauf beginnt der Wald.

Abitur oder Studium?

Etwa zehn Autominuten von hier ist Schumacher zur Schule gegangen, in der Gemeinde Wald-Michelbach, wo er die Realschule besuchte. Keine zehn Jahre ist das nun her, schon damals entwickelte der Schüler ein Faible für Holz und handwerkliche Arbeiten. Schumachers Eltern sind beide Akademiker, der Vater führt eine Firma, die Solaranlagen herstellt, die Mutter ist Lehrerin. „Von ihrer Seite kam aber kein Druck, unbedingt das Abitur zu machen und zu studieren“, erinnert sich der gebürtige Heppenheimer. Bis 2012 besucht er die Realschule, als Jugendlicher habe er aber eher mit Freunden, die auf das Gymnasium gingen, abgehangen. „Meine Lehrer haben dazu geraten, nach der mittleren Reife das Abitur zu machen.“ Schumacher entschied sich anders.

In dieser Zeit seien viele aus der Clique zum Studium weggegangen, die Freunde zieht es vor allem nach Hamburg. Auch Schumacher zog diese Möglichkeit in Betracht, entscheidet sich aber dann, im Odenwald zu bleiben. Was durchaus kein üblicher Schritt sei: „Vielen jungen Leuten ist es in der Region einfach zu langweilig. Es hält sie wenig hier.“  

Schumacher ist damit eine Art Gegenbild eines immer stärker werdenden Trends: Mehr und mehr Schüler machen das Abitur und ziehen anschließend zum Studium in eine andere Stadt – aus Perspektivgründen, wegen des Images und auf Druck der Eltern. Mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs erwerben in Deutschland heute die Studienberechtigung. Als Schumacher geboren wurde, lag dieser Wert noch bei etwa 37 Prozent. Für ihn heißt es 2013 anstatt Studium in Hamburg allerdings zunächst Ausbildung bei der Schreinerei Bellut im heutigen Oberzent. Und auch wenn er es damals noch nicht ahnt – es ist die Entscheidung, die ihn keine sechs Jahre später in den Chefsessel befördern soll.

2015 folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter. Auf Empfehlung des Chefs meldet sich Schumacher für die Meisterprüfung an; mit 20 Jahren. Sein Meisterstück, ein „Massivholz-Tischkicker“, steht heute im Bellutschen Büro. Auf Anfrage könne er ihn auch nachbauen. Zwar hat das noch kein Kunde gewünscht, Schumacher befindet sich aber in der komfortablen Situation, eine konstant hohe Nachfrage für andere Stücke zu haben: Vor allem werden bei Bellut Holztreppen hergestellt, etwa 30 Stück gingen im vergangenen Jahr an die Kunden. Preislich fangen die Treppen bei etwa 4000 Euro an, je nach Räumlichkeit und individuellen Wünschen kann sich diese Summe auch schon mal verdoppeln. Das Holz bezieht der Betrieb hauptsächlich aus einem Sägewerk in Wald-Michelbach, vor allem Buche und Eiche werden verbaut.

Mit dem Camper durch die Vereinigten Staaten

Mit dem Meisterbrief in der Tasche scheint sich der Schritt in die Selbstständigkeit immer mehr abzuzeichnen. Zunächst aber möchte Schumacher nochmal raus aus der ländlichen Heimat, den jungen Mann zieht es nun doch in die Ferne. Anfang 2016 packen er und ein Freund die Rucksäcke und buchen einen Flug in die Vereinigten Staaten. Da die oft zitierten „unbegrenzten Möglichkeiten“ dort aber schon an einer Altersgrenze für das Führen eines Mietwagens ihre Grenzen haben, stehen die zwei Hessen vor einem Problem: Der geplante Roadtrip lässt sich nicht so einfach in die Tat umsetzen, wie sie ihn sich ausgemalt hatten. Doch auch in dieser Situation beweist Schumacher handwerkliches Geschick und technisches Knowhow: Ein ausrangierter Peugeot-Bus wird kurzerhand zum Campingmobil umgebaut, per Schiff gelangt das vollbeladene Fahrzeug von Antwerpen nach Baltimore und dann kreuz und quer durch Amerika.

Nachwuchssorgen in Handwerks-betrieben

Zurück in Deutschland macht Schumacher den nächsten Schritt auf dem Weg zum Chef. Wie etliche Handwerksbetriebe in ländlichen Regionen, plagen auch die Schreinerei Bellut Nachwuchssorgen. Der Geschäftsführer geht bald in den Ruhestand, potentielle Bewerber stehen nicht gerade Schlange. Was sich zuvor schon angedeutet hat, wird nun konkret. Geselle Schumacher wird die Position als Geschäftsführer in Aussicht gestellt. Er bespricht sich mit Freunden und Familie und sagt schließlich zu. Bereits wenige Monate später sind er und der Betriebsgründer, Jürgen Bellut, gleichberechtigte Inhaber. Während dieser Zeit lernt der Nachfolger in spe eigenständige Entscheidungen über Materialien, Maschinen und Produkte zu treffen, das kaufmännische Einmaleins stand bereits während der Meisterschulung auf dem Stundenplan. Im Januar 2019 übernimmt Schumacher mit 24 Jahren die Schreinerei.

Betriebsintern hat sich seit dem Eigentümerwechsel einiges geändert. Heute zeichnet Schumacher die Einbaumöbel mit Hilfe vom Computerprogrammen und Apps. Diese schicken die Daten direkt an die CNC-Fräsmaschine, was erhebliche Arbeitszeit einspart. Ein weiterer Vorteil in der nun teil-digitalisierten Schreinerei: Schumacher kann seinen Kunden auf dem Tablet-Computer mittels Ausmessung durch Lasertechnik genau zeigen, wie sich deren Räume durch die neuen Möbel optisch verändern. Ein virtueller 360-Grad-Rundgang ermöglicht, auf individuelle Wünsche einzugehen, und verhindert Missverständnisse.

Bei den Kunden kommt das gut an. Die Geschäfte laufen gut. „Genau da, wo ich heute stehe, bin ich zufrieden“, sagt Schumacher und erzählt dann von seinem Freundeskreis im Odenwald, alten Schulkameraden, die es mittlerweile wieder in die Heimat zurückzieht, und seinem Hobby, dem Gleitschirmfliegen. Zwischenzeitlich arbeitet ein weiterer Meister im Betrieb, der jüngste Auszubildende ist 16 Jahre alt. „Es ist ein gutes Team. Weiter wachsen müssen wir gar nicht“, meint der Chef. Einen kleinen Makel hat die Erfolgsgeschichte aber noch. Schumachers Betrieb trägt weiterhin den Namen des Vorgängers: Schreinerei Jürgen Bellut. Gerade für langjährige Stammkunden, die etwas weiter weg wohnten, sei der Name ein fester Begriff, der für Qualität und Zuverlässigkeit stehe, sagt Schumacher. Irgendwann in den kommenden Jahren soll das Unternehmen dann aber doch den Namen des eigentlichen Chefs tragen. Der Standort im tiefsten Odenwald werde allerdings beibehalten.

Bild und Text Quelle: FAZ